Ich kann nur noch gewinnen – Mohammed Al Dowaik über Syrien, Lebenswille und Weiterbildung

Aufbruch in ein neues Leben

Er hat erlebt, was für viele unvorstellbar scheint. Aber dank seines unerschütterlichen Lebensmutes und seiner herausragenden Motivation fand Mohammed Al Dowaik mithilfe einer Online-Weiterbildung neue Hoffnung in einer Zeit, in der schon alles verloren schien.

 

Der Erfolg der Normalität

Mohammed Al Dowaik, 38 Jahre alt, strahlt Stolz und Stärke aus, als wir uns das erste Mal begegnen. Doch diese Stärke ist eine ganz besondere, das wird sofort klar. Dieser Mann hat eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte über tiefste Niederschläge und die unglaubliche Kraft der Hoffnung auf einen echten Neuanfang.

Angefangen hat alles in einem ganz normalen glücklichen Leben. Er arbeitete nach seinem Studium viele Jahre erfolgreich als Ingenieur im Bereich Medizintechnik. Dabei vertrieb er die Produkte, war aber auch dafür verantwortlich, das Personal im Umgang mit den neuen Geräten zu schulen. Denn gerade die Installation nach dem Auftrag, das „Training ist wichtig, nicht nur der Verkauf“ fügt er hinzu und deshalb habe er nicht nur die Technik gerne gemacht, sondern den gesamten Prozess von Vertrieb bis Sales und Installation begleitet. Dermatologie, Ophthalmologie, Mikroskopie – im Laufe der Jahre lernte er viele Bereiche kennen und sammelte wertvolle Erfahrung. Sein Gehalt war mit durchschnittlich 1000 $ im Monat zuzüglich Provision sehr gut, er konnte mit seiner Frau und seinen Kindern ein gutes Leben in Damaskus führen. Eine ganz normale Karriere, wie er es heute bezeichnet.

 

Von einem Augenblick in die Ausweglosigkeit

Der Krieg kam unerwartet. „Alles war wie ein einziger Augenblick“ erinnert sich Mohammed Al Dowaik zurück. „Keiner konnte sich vorstellen, ob das wirklich passierte, ob das ein Traum war oder ein Albtraum“, alles schien unwirklich. Aber der 15.03.2011 war Wirklichkeit und stürzte ein ganzes Land in den Krieg und die Familie Al Dowaik stellvertretend für hunderttausende andere Familien in die Ausweglosigkeit. Ihn, seine Frau Lama, Sohn Dia, damals drei und Tochter Sama, gerade erst geboren. Stärke nach wie vor in seinem Blick als er erzählt, dass es anfangs zumindest nur in manchen Stadtteilen schwierig war. Nach und nach aber „wurde es überall schwierig“ und für die Familie begann eine Zeit der Rastlosigkeit.

Die Lage spitzte sich zu und war gleichzeitig unberechenbar. „Meine Cousins wurden beim Friseur ermordet. Einfach so, ohne einen Grund. Niemand sagt, warum das so war. Wir wussten nicht, ob wir vom Einkaufen zurück nach Hause kommen würden.“  Vor allem die Angst vor der Willkür machte ihm zu schaffen. Vor Waffen fürchte er sich nicht, aber vor „Diskriminierung und grundloser Verhaftung.“

Die kommenden Monate und Jahre waren schwer. Sehr schwer. Und dennoch erneut Stärke und Stolz in seinem Blick. Nur das leichte Zittern seiner Augenlider lässt das Ausmaß dieser Zeit erahnen. Wegzug aus einem Stadtteil in einen anderen. Wegzug aus Damaskus. Überteuerte Mieten. Erneut Willkür. „Wenn Gefechte losgingen, nutzte uns die Armee als menschliche Schutzschilde. Männer wurden morgens aus den Häusern gezerrt, wir wurden nicht gefragt, einfach geholt und dazwischen gestellt, um die Kämpfer zu schützen. Tage, an denen wir nicht wussten, ob wir wieder nach Hause zurückkommen werden oder sterben.“ Und doch keine Alternative zu alldem. Genügsamkeit. Und immer Zusammenhalt.

 

Mohammed Al Dowaik über Syrien, Lebenswille und Weiterbildung

 

Aufbruch in ein neues Leben

Mohammed Al Dowaik machte das Beste aus der Situation, egal, wie sie aussah. So beobachtete er, wann die Angriffe für gewöhnlich abebbten und nutze diese Zeit des Tages, um mit den Kindern zumindest ein bisschen vor dem Haus zu spielen. Ein paar Atemzüge frische Luft, einige Momente Kindheit auf sechs bis acht Quadratmetern Straße. Doch an einem Tag verspäteten sie sich. Als sie aus der Tür traten, ging ein Geschoss genau dort nieder, wo sie die Wochen zuvor jeden Tag Fußball gespielt hatten. Ein Nachbar starb, mehrere wurden verletzt, sein Auto zerstört. Doch er und seine Familie lebten. An diesem Tag wussten sie, dass sie nichts mehr zu verlieren hatten außer das eigene Leben. „Wenn wir an diesem Tag gespielt hätten, würden wir heute nicht leben! Wir konnten nicht mehr bleiben.“ Vieles nahm er in Kauf „wochenlang kein Strom und kein Wasser,“ aber an diesem Punkt mussten sie gehen. 

Mit mehreren Schichten Kleidung am Körper, weil sie keine Taschen für den Transport aus der Stadt mitnehmen durften, begann eine ziellose Reise raus aus Damaskus an der noch neuen aber inzwischen komplett zerstörten Eigentumswohnung vorbei und die Entscheidung, über Ägypten nach Europa zu kommen. Abschiebung, das rettende Boot angeschossen, dann Verhaftung, lange Nächte auf dem kalten Gefängnisboden, später Zwischenstationen im Libanon und dem Oman. Egal wo sie waren, kümmerte sich Mohammed Al Dowaik immer zuerst um eine Arbeit. „Ich habe immer geguckt, dass ich meine Familie ernähren kann.“ Arbeitstage von bis zu 20 Stunden, mehrstündige Arbeitswege, Ausbeutung in Form halber oder nur viertel Gehälter – nichts war Grund, eine Arbeit abzulehnen. Mohammed Al Dowaik wollte arbeiten und tat dies, egal welche Widrigkeiten dies mit sich brachte. Doch auch im Oman durften sie nicht bleiben und sollten nach Syrien zurück.

 

Einen Türspalt weit Hoffnung

Was tun, wenn alle Wege immer wieder abreißen und ins Nichts führen? Mohammed Al Dowaik findet positive Worte. „Das Leben hat uns eine Tür geöffnet“ sagt er milde und meint damit vor allem seinen spontanen Besuch in der deutschen Botschaft im Oman, um ein Visum zu beantragen. Ihm fiel schlichtweg keine andere Möglichkeit mehr ein. So bekam er wider Erwarten 2015 die Chance nach Deutschland zu kommen und dort neu anzufangen. Oder vielleicht gar dort weiterzumachen, wo er aufhören musste: beim Erfolg der Normalität. Die Widrigkeiten bei der Einreise, die vielen Rückschläge – all das wischt Mohammed Al Dowaik mit einem kraftvollen Satz weg „Wenn man alles verliert, hat man keine Sorgen mehr.“ Und so kennt sein Blick auch jetzt nur eine Richtung: nach vorne!

Nach dem Asylantrag in Bremen kümmerte er sich wie gehabt schnell um eine Arbeit. Er bewarb sich – insgesamt 400 Mal – doch bekam außer zwei standardisierten Antwortmails keinerlei Reaktion. Warum, weiß er nicht. Er ist qualifiziert in einem Beruf, der gerade in Deutschland enorm gefragt ist und in einer Branche beruflich zu Hause, die riesengroß ist. Er hat nicht nur rudimentäre Sprachkenntnisse, sondern sich bis zum Sprachniveau C1 vorgearbeitet. Inzwischen unterrichtet er sogar nebenbei als Deutsch-Dozent an einer Sprachschule. Absagen ohne Grund, ja. Doch keine Hoffnungslosigkeit. Stattdessen weitermachen. Gemeinsam mit seinem Sachbearbeiter bei der Agentur für Arbeit bespricht er schließlich mögliche Weiterbildungen und absolviert den Lehrgang Business Development Manager bei karriere tutor® mit größtem Engagement. Sein Antrieb: für seine Familie sorgen zu können. 

 

Techniker, Manager, Ressource

Das Online-Lernen fiel ihm zunächst schwer, gibt er zu, weil er zwar den Dozenten sah, dieser aber nicht ihn. Doch er fand den Einstieg schnell und findet rückblickend nur gute Worte über diese Zeit. „Martin und Daniel, meine Dozenten, waren sehr gut und haben mich immer unterstützt. Ich habe viele Stunden gelernt und am Ende meine Projektarbeit erfolgreich beendet. Das hätte ich am Anfang nie gedacht.“

Warum seine Bewerbungen trotzdem scheitern? Der 38-Jährige vermutet, dahinter stecke „Angst und Ungewissheit bei den Arbeitgebern, weil sie nicht wissen, was es bedeutet mit einem Geflüchteten zu arbeiten.“ Deshalb war ihm wichtig, nicht nur sein Studium anerkennen zu lassen, sondern auch deutsche Zertifikate zu bekommen. „Ich verstehe, wenn ein Arbeitgeber nicht weiß, ob das klappen kann. Aber ich möchte alles geben, damit wir es versuchen können. Ich arbeite unter Stress ich arbeite unter Druck, ich kenne die deutschen Produkte in der Medizintechnik, ich setze mich immer ein und gebe immer mein Bestes bei meiner Arbeit.“ Sein Wille ist ungebrochen und so schließt er mit dem Satz, was Arbeiten für ihn bedeutet: „Arbeiten ist Leben. Ohne Arbeiten gibt es kein gutes Leben.“ Dieses Leben zu erreichen, treibt ihn Tag für Tag an. Doch das einzige, was er nicht entscheiden kann ist, ob ihm jemand die Chance gibt, dies zu beweisen.

 

Was bleibt, sind gemischte Gefühle. Demut und Achtung vor diesem Mann, der voller Hoffnung in seine Zukunft blickt. Wir wünschen ihm, dass sich seine Anstrengung bald für ihn auszahlen wird und ein Arbeitgeber erkennt, dass er nicht nur qualifiziert und gewillt, sondern eine bereichernde Ressource ist. Wenn du helfen möchtest, melde dich gerne und wir stellen den Kontakt her. 

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